Medien: Ein Kommentar

Wow, ich fühle mich geehrt, einen Blogpost, ganz für mich 🙂 Spannende Argumente sind auch dabei. Wundervoll! Und weil die Antwort, auf die Antwort, auf den Kommentar etwas länger ausgefallen ist, hier für euch 🙂

Einleitung: Aufhänger war ein kritischer Artikel von Eva zur Einseitigkeit deutscher, verglichen mit deutlich ausgewogenerer Berichterstattung in der Griechenlandkrise. Dem habe ich widersprochen.

Zu 1) Das ist ein ganz, ganz schwieriges Thema. Ja, die Folgen des Terroranschlags waren andere Bilder von Muslimen für die Öffentlichkeit. (Btw. das erklärte Ziel der Terroristen, wie man heute weiss). These 1 deines Posts: Daran Schuld hat das ‚Agenda-Setting‘ in Medien. Wie gehabt widerspreche ich da. Dass die Bild oder einige Medien eventuell derartiges verfolgen, weiss man, geschenkt. Im grossen und ganzen war die Berichterstattung aber doch so ausgewogen, wie sie bei einem Terroranschlag sein kann (denke ich, nicht belegt). Der von dir zitierte Artikel bringt (abgesehen von der Bild und Mechanismen, wie es Menschen schaffen, Fakten zu misinterpretieren) auch nicht viel, dass die These, die Berichterstattung waere schuldig, im besonderen stützt (bezogen auf Medien, wie faz, Zeit, SZ usw.).
Dass der potentielle Einfluss von Medien, die ‚Macht des Wortes‘, gefährlich ist, auch richtig.

Zu 2) Da wird es nun sehr bunt: Du zitierst vor allem Ticker. Du zitierst zum IS, zu Griechenland, zu Russland, zu den USA. Wenn ein Ticker keine grosse Einbindung eines Themas liefert, sondern nur Fakten (im Falle Spiegel ist das etwa ein ‚Politiker haben gesagt, sie finden Griechenland schlecht‘) ist das doch genau das, was ein Ticker tun soll*. Direkt unter dem Spiegel-Artikel findet sich auch ein sehr prominenter Link zu „Hintergründe zur Griechenlandkrise – endlich verständlich
Ich habe da exemplarisch mal den Reiter mit den Reformen Griechenlands und der finanziellen Belastung fuer Deutschland gelesen. Der Abschnitt zu Reformen liest sich so, wie mein Kenntnisstand ist. Der zu den Krediten könnte etwas deutlicher sein, hinsichtlich, dass MOMENTAN kein deutsches Geld in Griechenland versenkt wird – wir haben schliesslich nur Kredite vergeben. Insgesamt aber doch eine ordentliche Leistung: Fakt berichtet, Link zu Einordnung ist unter dem Artikel.
Um es klar zu sagen: Ich finde NICHT, dass ein Medium sich selbst kritisieren muss. Der Spiegel darf eine Haltung haben. Gerade wenn der Rezipient sich nur auf die Einordnung eines Mediums in den grösseren Kontext verlässt, geht doch die eigene Kompetenz verloren. Aber dazu in 4) mehr. Und die Komplexität der Medienlandschaft?

Zu 3.1) Das ist jetzt der Punkt, wo ich dir widerspreche. In allem. Und komplett. Du magst ein relativ grosses Wissen ueber schweizer Medien besitzen (was ich nicht tue), entweder unterschlaegst du aber bewusst, was es fuer vielfältige Modelle fuer Journalismus in D gibt oder ich kann dir hier einiges neues erzählen. (Das dann in 3.2)
Aber gut, der Reihe nach. Auch hier zitierst du Studien, verknüpfst die aber falsch. Für sich betrachtet, haben gewinne ich aus deinen 3 Quellen folgende Erkenntnisse:
– deutsche Vertrauen Medien nicht blind (54% haben ‚weniger Vertrauen‘)
– das ZDF (sic!) findet heraus, dass es ein signifikant hoeheres Vertrauen in öffentliche Berichterstattung gibt, als in private Formate
– du hast einen Zeit-Artikel gefunden, der die selbe Studie zitiert, die in Punkt 1 genannt wird (infratest Dimap als Quelle. Die Zahlen sind quasi (53 und 54%) die selben)
Die Studie kann man jetzt interpretieren: Nur 7% vertrauen Medien gar nicht (der Rest vertraut irgendwie, mal mehr mal weniger). 54% sind intelligent und wissen, dass man einem Artikel nicht einfach so trauen sollte, allein wegen der Möglichkeit eines Fehlers (siehe 4). Oder eben: „Ey, Alter, über 60% vertrauen den Medien ja überhaupt nicht.“ Der Problematik sind sich Medien übrigens afaik bewusst und versuchen, gegenzusteuern. Siehe die ZEIT, die Gastartikel von Griechen zur Situation in Griechenland bringt. Sehr erfrischend.

Zu 3.2) Nein. Deine These, dass schweizer Medien neutraler berichten, wird ‚abgeschmettert‘, mit dem Hinweis, dass das Thema in D anders emotionalisiert als in der Schweiz und der unterschiedlichen Lage, wenn es um emotionale schweizer Themen ging. Ich fühle mich da falsch zitiert.
Dann wird es etwas seltsam, denn erst sagst du, dass schweizer Medien politisch neutraler wurden, um sie dann auf der politischen Landkarte zu verorten. Insgesamt sind es etwa 20 Zeitungen und Zeitschriften mit zwischen 50.000 und 700.000 (20 Minuten, die sind aber auch Ausnahme) Auflage. Für D argumentierst du mit 3 Magazinen. (Unterscheidung könnte sein: Zeitung: liefert Tagesgeschehen. Magazin: Kommentiert Tagesgeschehen kompakt) Ein bisschen schief, der Vergleich oder? Ich biete dir die taz, linke Tageszeitung in Genossenschaftsformat. Oder die faz/sz, Tageszeitungen mit politisch eher rechtem/linken Anspruch. Tageszeitungen gibt ja sowieso viele, Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Zeitungen) listet 96 mit einer Auflage von über 50.000 Einheiten. Oder lieber Wochenzeitschriften wie die ZEIT (die nenne ich fast zu oft) als Wochenblatt. Oder den ‚Freitag‘ ein Diskussionsmagazin. Oder möchtest du lieber etwas vom Cicero lesen? Was ich sagen will ist, der Medienpluralismus, der dir fehlt, ist durchaus vorhanden. Man sieht ihn halt nicht automatisch.
Die taz bringt auch regelmaessig Geschichten zu gut integrierten Migranten/Flüchtlingen/linken Aktionen. Alternative Berichterstattung eben. Aber auch in anderen Medien (ZEIT, faz) habe ich in juengerer Vergangenheit (letzte 2 Wochen) positives über Flüchtlinge gelesen.

Zu 4) Zum Schluss zitierst du @Niggi (sein Twittername). Lese ich regelmaessig. Die sind auch sehr wichtig. Also, Medienjournalisten. (Bildblog uws. gibt es ja auch noch). Deswegen finde ich es ja gar nicht verkehrt, dass über 50% den Medien nicht (mehr) blind vertrauen. Das wäre mMn eben falsch.
Dass das ZDF dennoch eine qualitativ akzeptable Quelle ist, legt der von dir oben zitierte FAZ-Artikel nahe (wenn ich mir diesen Kommentar erlauben darf :P)

Anmerkung:
Wenn wir die Glaubwürdigkeitsdebatte auf einzelne Medien beschränken hast du Recht: Die Berichterstattung ist teils einseitig, teils schlecht recherchiert und teils schlicht und ergreifend falsch. Das ist schlecht. Das muss besser sein.** Daraus eine Verschwörung (‚Agenda-Setting‘) einer ganzen Branche zu konstruieren, wird der Situation nicht gerecht. Das Problem liegt nicht zentral bei den Medien, sondern in einer Gesellschaft, in der sich viele nicht mal die Mühe machen, einen Quellenlink anzuklicken (‚da ist ein Link, dann wird das schon stimmen‘). Medienkompetenz ist ein wichtiges Gut, diese wird aber nur sehr begrenzt, bzw. gar nicht vermittelt. Und da kann man auch besser ansetzen. Denn Medien dürfen schreiben, was sie wollen. Und ich finde: Das ist auch gut so. Solange andere dies komentieren dürfen, wie sie wollen.

*der Nebensatz fehlt im ursprünglichen Kommentar, ich hatte ihn vergessen. Nachtraeglich eingefügt.
** Satz eingefügt.

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3 Gedanken zu “Medien: Ein Kommentar

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