Bus-Hunting

Wir hatten am Wochenende eine Familienfeier. Ältere Menschen, in dem Fall die geschätzten Eltern feiern ja gerne mal, wie lange man schon auf der Welt ist, verheiratet ist, einen Job ausübt und so weiter. War eine derartige Feier mit viel Familie.

Wie es immer nach so einer Feier ist, müssen die Beteiligten irgendwann nach Hause. Einige sind mit ihren Autos da, einige mit dem Zug und manche nehmen den Fernbus. Ich hatte mich bereiterklärt, ein Geschwister zum Bus zu fahren.

Es war bereits abends. Ich fahre eigentlich gern nachts, im Gegensatz zu den meisten Menschen. Ich hatte also die Busbahnhof-Haltestelle gegoogelt, die Adresse ins Navigationsgerät eingespeist und wir waren mit einer grosszügigen halben Stunde Puffer aufgebrochen.

Nach einer guten Stunde Fahrzeit erreichen wir den Busbahnhof in der Stadt, es war ungefähr Mitternacht und der Bus sollte erst in 25 Minuten abfahren. Erst einen Parkplatz gesucht, dann noch etwas im Auto geredet. Mit noch etwas mehr als 15 Minuten waren wir dann am Busbahnhof, nur war kein Bus zu sehen. Irgendwo kam mir eine dumpfe Ahnung – waren wir überhaupt an der richtigen Haltestelle?!

Nein. Abfahrt des Busses sollte der Flughafen der Stadt sein. Was also tun? Kurz nachgeschaut, das Navi sagt „eng, aber könnte so gerade klappen“, na dann:

Losgefahren, innerstädtisch freie Straßen, also kann man die 50 ausnahmsweise mal Autobahn-esk auslegen (also bis maximal 20km/h überschreiten). Blöd nur: Gas geben, rote Ampel. Gas geben, rote Ampel. Gas geben, rote Ampel. Links abbiegen, Gas geben, grüne Ampel (yeah!), Auto im Weg (buh!). Immer im Blick ein Navi, dass sich nciht zwischen „ihr kommt eine Minute zu früh und seid rechtzeitig“ und „ihr kommt zu spät“ entscheiden kann. Wir biegen auf die Flughafenstrasse ein (also die zum Flughafen führt) – und da steht ja sogar noch der Bus. Zum Greifen nahe! 200 Meter, 100 Meter, 50 Meter, die Rücklichter des Busses gehen an. Der wird doch nicht….doch!

Direkt vor uns schert der Bus aus seiner Haltestelle aus! Verdammt! Zunächst hatte ich noch die Idee „Ich kann den ja einfach überholen und vor ihm einscheren, so in bester Actionfilmmanier“. Blöd nur, dass ich eben kein John McClane bin (und die StVO dann doch irgendwo achte). Also noch einmal kurz geparkt und nachgeschaut, gibt es noch einen anderen Bus? Gibt es. Von wo fährt der? Ach ja, Busbahnhof. Wann? In 10 Minuten. Und der nächste? in 45 Minuten – dann wär aber die Pünktlichkeit in der Arbeit gefährdet.

Also gut….

Umgedreht, zehn, zwanzig, fünzig, sechzig – grüne Ampel – siebzig – grüne Ampel -vorne abbiegen – grüne….Moment, die wird gelb….dass schaffen wir noch!…gelb, yes…oh, ich muss ja noch bremsen, fünfzig, vierzig – quieeeeeeetsch – um die Kurve – weiter…

Ungefähr so, wie die erste Fahrt, nur mit grünen statt roten Ampeln.

Gerade so rechtzeitig irgendwo im Halteverbot geparkt und zum Busbahnhof gesprintet. Der Bus ist noch da! Ich frage den Busfahrer nach einem Ticket, er mag mir aber keins verkaufen. Zeigt mir sein Tablet und dass es ihm nicht möglich sei – schließlich ist der Bus offiziell gerade abgefahren. Ich versuche online ein Ticket zu kaufen: „Fahrt liegt in der Vergangenheit“ – aaaaargh!

Also weiter verhandelt. Zum Glück spricht der Busfahrer ungefähr drei Wörter deutsch und wir verstehen uns daher sehr gut. Nicht. Ich akzeptiere, dass es wohl kein Ticket gibt, aber man kann doch bestimmt händisch? Eine Quittung? Nein. Also gut, von vorne: Das da neben mir muss morgen früh in der Arbeit erscheinen. Arbeit versteht er wohl, macht aber klar „nix Quittung!“. Ist ja auch egal – wird eh von keinem Unternehmen erstattet, ich sage daher, „klar, nix Quittung, aber mitfahren!“

Er versteht. Wir einigen uns auf 20€, die sich die beiden Busfahrer vermutlich schwarz teilen. Mit egal. Selber schuld, Busfirma – würde wenigstens das Tablet noch funktionieren hätten wir ein Ticket gelöst.

Während ich zum Auto zurückgehe, zwischen zwei Gruppen Jugendlichen hindurch, die ich nicht einordnen kann, ob einfach abhängen, Drogen oder vielleicht PokemonGo, stelle ich fest, dass mein Hemd ungefähr das Schwitzlevel meines 10-Kilometerlaufs erreicht hat.

Immerhin steht das Auto noch da, wo ich es abgestellt habe. Als ich losfahren will, stelle ich fest, dass ob der Aufregung auch meine Beine zittern. Also bleibe ich noch etwas sitzen (Auto von innen zugesperrt, die Halbstarken von oben sind ja in der Nähe), bis sich das zittern halbwegs gelegt hat.

Dann fahre ich los. Es ist halb zwei Uhr nachts und mir bleiben noch knapp 200 Kilometer Autobahn bis nach Hause.

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